Biografie

Kindheit und Jugend in Meiderich (1881-1895)

Wilhelm Lehmbruck wird am 4. Januar 1881 in Meiderich geboren. Die wachsende Industrialisierung prägt den Ort, der 1895 zur Stadt erhoben und 1905 zu Duisburg eingemeindet wird; der dörfliche Charakter der Gegend bleibt jedoch erhalten. Der Vater Johann Wilhelm Lehmbruck und seine Frau Margareta Elisabeth, geb. Wüstmann, stammen aus Bauernfamilien, die in einer rund 40 Kilometer weiter nördlich gelegenen Region Westfalens ansässig waren. Vermutlich mit den Finanzmitteln eines kleinen Erbes erwirbt der Vater ein Haus mit Stall und einem großen Grundstück. Die landwirtschaftliche Nutzung entspricht der Zeit und wird ihn und seine Familie mit Grundnahrungsmitteln weitgehend autark gemacht haben. Das heute renovierte und privat bewohnte Haus ist zusammen mit dem Grundstück in seinem Umfang fast vollständig erhalten (den Stall ersetzen jedoch Garagen). Einen zusätzlichen Lebensunterhalt bestreitet Lehmbrucks Vater als Tagelöhner im Bergbau. Wilhelm Lehmbruck wächst mit fünf Geschwistern auf; ein Bruder stirbt bereits vor seiner Geburt, und auch das jüngste Geschwisterkind lebt nur wenige Monate.

Lehmbruck, evangelisch getauft, besucht die Volksschule in Meiderich. Er ist ein guter Schüler, der besonderen Rückhalt bei seinem Zeichenlehrer erhält, welcher ihn zu einer kunsthandwerklichen Ausbildung ermuntert. In dem frühesten erhaltenen Heft des Schuljungen, 1894, befinden sich Studien von Blumenornamenten sowie Nachzeichnungen von Denkmälern aus Schulbüchern, darunter die Niederwald-Germania (bei Koblenz) und das Reiterstandbild des Großen Kurfürsten (1696-1700). Dieses Interesse des jungen Lehmbruck führt später zu der Legende, er habe schon zu Schulzeiten diese Werke in Gips nachgebildet.

Lehrjahre in Düsseldorf (1895-1906)

Angeblich mit einer kleinen Nachbildung dieses Reiterstandbildes, das Lehmbruck aus eigener Anschauung nicht kennt, gelingt ihm nach Verlassen der Volksschule die Aufnahme in die Düsseldorfer Kunstgewerbeschule. Wahrscheinlicher dürfte eine Aufnahmeempfehlung seines Meidericher Zeichenlehrers und das kleine Stipendium der Gemeinde sein. Es ist keineswegs ungewöhnlich, dass aus diesem sehr frühen Werkbereich außer einigen floralen Studien nichts erhalten ist. Mit der verkleinerten Nachbildung eines anderen Reiterstandbildes, nämlich Grupellos „Jan Wellem“ von 1711, verdient der junge Künstler zu einem erheblich späteren Zeitpunkt ein Zubrot zu seinem Studium.

Der Unterricht an der Kunstgewerbeschule erfolgt im ausgehenden 19. Jahrhundert handwerklich und zugleich berufsorientiert. Die Gipsabgusssammlung der Kunstgewerbeschule besteht weitgehend aus Ornamentstäben und nur sehr wenigen figürlichen Darstellungen wie dem Gekreuzigten oder einer Pietà. Die datierten Zeichnungen nach Gipsabgüssen Michelangelos, Carstens und anderen, die im Museum aufbewahrt werden, entstehen an der Akademie in Kursen, die für die Bevölkerung angeboten werden. Düsseldorf ist im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert eine kleine, sehr konservative, ehemalige Residenzstadt in der Provinz. Lehmbruck erhält in den 1890er Jahren ein kleines Stipendium seines Heimatortes. Dass er sich mit Entwürfen für Silberwarenfabriken, anatomischen und botanischen Studien für wissenschaftliche Publikationen und vorübergehend auch durch Mithilfe in Steinmetz- oder Bildhauerwerkstätten etwas dazuverdient, ist, zumindest was die Silberwaren und die Publikationen angeht, Legende: Entwürfe für Silberwaren wurden üblicherweise keinem Anfänger überlassen, auch gibt es darüber keinerlei Zeugnisse. Die anatomischen Studien entstehen im Rahmen der Ausbildung an der Akademie zu einem späteren Zeitpunkt. Dort erfolgt der Unterricht im Lehrauftrag durch Fachkräfte der Düsseldorfer Kliniken, an denen dieses Fach etabliert ist. Hilfsarbeiten in Steinmetzateliers sind natürlich möglich, sagen aber nichts über die Art der Arbeit aus.

1901 beginnt Lehmbruck ein reguläres Bildhauerstudium an der Düsseldorfer Akademie. In der 1862 eingerichteten, Jahre später erst besetzten Bildhauerklasse dieser ursprünglich auf Malerei ausgerichteten Institution befinden sich nur wenige Studenten. Düsseldorf gilt zu jener Zeit als die konservativste Kunststadt in Deutschland; die Akademie besitzt dementsprechend kaum überregionale Bedeutung. Allerdings verfügt sie über eine ausgesprochen umfangreiche Gipsabgusssammlung, an der Maler und Bildhauer gleichermaßen geschult werden. Lehmbruck kennt beide Gattungen natürlich über das Ausbildungsangebot, das sich primär an Malerei und druckgrafischen Techniken orientiert. Der in der Lehmbruck-Forschung häufig genannte Verweis auf seinen Studienfreund Heinrich Wettig als Vermittler der Malerei greift einfach zu kurz. In der Bildhauerklasse orientiert sich die Ausbildung an der Porträt-, Genre-, Denkmal- und Grabmalplastik. In diesen Aufgabenbereichen erfolgen zudem die Aufträge eines Bürgertums, dem das Mäzenatentum zum Teil fremd ist.

Ein besonderes Ereignis wird für den jungen Lehmbruck die Internationale Kunstausstellung 1904, die erstmals Gegenwartskunst in großem Umfang nach Düsseldorf bringt: Unter den Bildhauern wird Auguste Rodin für die kommenden Jahre zur großen Entdeckung, aber auch Bartholome sollte dauerhaft in Lehmbrucks Werk Niederschlag finden. Meuniers Werk ist durch andere Quellen präsent, vermutlich über die Lehrer an der Akademie.

Wenn es seine finanzielle Situation erlaubt, unternimmt Lehmbruck Studienreisen: 1902 in den Harz, 1903 eine Rhein-Moselfahrt mit Studienkollegen und im September 1904 nach Holland und Belgien. Mehrere Verkäufe und Aufträge, zum Teil über die Akademie vermittelt, ermöglichen Lehmbruck von Mai bis Juni 1905 eine erste Italienreise, die ihn über München nach Mailand, Genua, Pisa, Florenz, Rom, Neapel und Capri führt. Diese Reise bewertet Lehmbruck offensichtlich als besonders wichtig für seinen künstlerischen Lebenslauf.

Erste Jahre der Selbständigkeit in Düsseldorf (1907-1910)

Ende 1906, dem Jahr, in dem Lehmbruck sein Debüt auf den regionalen Ausstellungen gibt, schließt er seine Ausbildung ab. Nur sein unentgeltlich in den Akademieräumen zur Verfügung gestelltes Atelier, das wie die Nutzung der Modelle und der hauseigenen Gießerei zu den Privilegien Lehmbrucks als Karl Janssens Meisterschüler gehört, nutzt er noch eine Zeit lang weiter. Im Frühjahr 1907 richtet er ein eigenes Atelier in der Florastraße 2 ein, wohnt später mit seiner Familie in der Florastraße 46 und tritt dem Verein Düsseldorfer Künstler bei, um von nun an als freier Bildhauer zu bestehen. Wichtige Einnahmequellen sind Porträtaufträge und Grabplastiken, darunter sehr aufwendige, großformatige Grabmäler. Neben diesen Großaufträgen, die Lehmbrucks Durchbruch als Künstler mit Mitte zwanzig markieren, findet Lehmbruck bereits Kontakt zu Sammlern. Carl Nolden aus Düsseldorf erwirbt in dieser frühen Phase viele seiner Werke, die Lehmbruck eine gewisse finanzielle Sicherheit geben. Da die Annahme berechtigt ist, die Büste des Freiherrn von Steindeke mit einem frühen Porträt des Freiherrn Eduard von der Heydt zu identifizieren, bedeutet dies einen sehr frühen Kontakt zu einem der beiden wichtigsten Sammler zeitgenössischer Moderne überhaupt im Kaiserreich. Der Kontakt zu dem anderen bedeutenden Sammler, Karl Ernst Osthaus, erfolgt ebenfalls schon 1909. Dass eventuell eine Vermittlung Lehmbrucks durch von der Heydt zustande kommt, ist nicht auszuschließen, allerdings heute nicht mehr zu entscheiden. Das LehmbruckMuseum besitzt einen später in Paris entstandenen Porträtkopf des Sohnes Manfred Osthaus‘. Der „Kleine weibliche Torso“ erhält seinen Namen Hagener Torso als Ankauf von Karl Ernst Osthaus und stellt heute den frühesten gesicherten Steinguss des Künstlers dar. Die größte geschlossene Zahl an Lebzeitgüssen ist trotz späterer Auflösung der Sammlung dem Ehepaar Falk zu verdanken, dessen Bekanntschaft Lehmbruck aber erst 1916 macht.

Auch durch seine Teilnahme an künstlerischen Wettbewerben und Ausstellungen wird der junge Künstler wahrgenommen. Auf der Deutsch-Nationalen Kunstausstellung in Düsseldorf beispielsweise ist Lehmbruck 1907 erstmals mit vier Arbeiten vertreten. Er reist häufig zu den Ausstellungen, auf denen seine Arbeiten gezeigt werden, und lernt auf diese Weise früh die Werke anderer zeitgenössischer Künstler in größerem Umfang kennen. 1907 besucht er Paris, wo er von April bis Juni vier Arbeiten im Salon der Société nationale des beaux-arts ausstellt, die bis 1911 jährlich Kunstwerke von ihm annimmt. Auch 1908 und 1909 reist Lehmbruck anlässlich seiner Ausstellungsbeteiligungen in die französische Hauptstadt, bevor er 1910 mit seiner Familie ganz dorthin übersiedelt. Nach längerer Verlobungszeit heiratet Wilhelm Lehmbruck am 6. Juni 1908 Anita Kaufmann, und am 11. März 1909 wird ihr erster Sohn, Gustav Wilhelm, genannt Guwi, geboren.

Paris (1910-1914)

Anfang April 1910 kommt Lehmbruck mit seiner Frau und seinem kleinen Kind in Paris an. Ermöglicht wird der Umzug durch die Unterstützung des Düsseldorfer Sammlers Carl Nolden, dessen Frau der Bildhauer 1909 porträtiert und der einige Plastiken aus der Düsseldorfer und frühen Pariser Zeit erwirbt. Aufgrund der Großaufträge von Grabmälern, den Kontakten zu Osthaus und von der Heydt sowie Aufträgen für kleinere Porträts kann bei Lehmbruck bereits von einem künstlerischen Durchbruch gesprochen werden, auch wenn natürlich noch Unsicherheit über den nächsten Auftrag herrscht. Lehmbruck lebt mit seiner Familie in einfachsten Verhältnissen im Künstlerviertel Montparnasse, zunächst in einem Dachzimmer in der Rue de Vaugirard 105, wo er seine erste in Frankreich modellierte und im Salon d’Automne von 1910 ausgestellte „Stehende weibliche Figur“ vollendet. Im Oktober erfolgt der Umzug in ein Hinterhofatelier der Avenue du Maine 127.

Anita Lehmbruck steht ihrem Mann in dieser Zeit Modell, übernimmt weitgehend den geschäftlichen Teil bei Ausstellungen und Verkäufen und trägt mit Sprachunterricht zum Lebensunterhalt bei. Schon bald nimmt Lehmbruck Kontakt zu Auguste Rodin auf, dessen Werk er 1904 in der großen Ausstellung in Düsseldorf im Original kennengelernt hat. Auch die Monumentalplastik „Der Mensch“, die Lehmbruck bereits in Düsseldorf modelliert und 1910 im Pariser Salon ausstellt, ist dessen Werk verpflichtet. Doch Lehmbrucks Interessen gehen inzwischen in andere Richtungen. Die große Vorbildfunktion Rodins tritt für Lehmbruck in den Hintergrund; diese Bedeutung nimmt vorübergehend Aristide Maillol ein.

Die Reihe seiner französischen Ausstellungsbeteiligungen kann Lehmbruck erfolgreich fortsetzen: Seine Plastiken werden von der Société nationale, deren juryfreies Mitglied Lehmbruck ist, und dem Salon d’Automne angenommen. Daneben ist er ab April 1911 in dem eher progressiven Salon des Artistes Independants vertreten. Seine Werke werden im berühmten Saal 41 präsentiert, in dem die Gemälde französischer Kubisten die größte Aufmerksamkeit erregen. Lehmbrucks Arbeiten werden bis 1914 auf Veranstaltungen dieser Künstlervereinigung gezeigt. 1912 präsentiert er dort erstmals mehrere Kaltnadelradierungen. Mit dieser Technik – wie auch mit Malerei – beschäftigt er sich seit seiner Ankunft in Paris. Im Januar 1912 erhält Lehmbruck den Ruf als Lehrer an die Sächsische Akademie der schönen Künste in Weimar. Er lehnt das Angebot ab und widmet sich ganz seiner künstlerischen Arbeit, denn zum Jahresanfang hat ihm der Museumsverein in Duisburg den Auftrag erteilt, eine Marmorversion der „Stehenden weiblichen Figur“ auszuführen. Es handelt sich um den ersten Ankauf eines Werkes, das den Grundstock zur Lehmbruck-Sammlung der Stadt Duisburg und somit zum heutigen LehmbruckMuseum legt. Die zweite Italienreise 1912 führt den Künstler deshalb nach Carrara, um dort den passenden Marmor auszusuchen, aber auch noch einmal nach Florenz und Rom.

Im Laufe des Jahres erfolgen zahlreiche Ausstellungseinladungen nach Deutschland, beispielsweise von der Berliner Secession und dem Kölner Sonderbund, auf deren Schau sich Lehmbruck als Bildhauer und Maler präsentiert. Gründungsvorsitzender des Sonderbundes ist Karl Ernst Osthaus, auf dessen Initiative Lehmbruck im April und Juli 1912 im Folkwang-Museum in Hagen ausstellt. Im selben Jahr entsteht auch das Porträt des Sohnes Manfred Osthaus‘, der mit seiner Mutter den Künstler in dessen Pariser Atelier besucht.

Ende September, beim Besuch der Kölner Sonderbund-Ausstellung, trifft Lehmbruck den Maler Walt Kuhn, Sekretär der amerikanischen Künstlervereinigung, um über die Beteiligung an der 1913 in New York stattfindenden International Exhibition of Modern Art, der sogenannten Armory Show, zu verhandeln. Im Saal der französischen Künstler werden zwei Plastiken und einige Zeichnungen Lehmbrucks gezeigt, der als einziger deutscher Bildhauer teilnimmt. Er verkauft ein Steingussexemplar der „Stehenden weiblichen Figur“ und sechs Zeichnungen; ein Transportschaden an der „Knienden“ bringt im Folgejahr zusätzliche Geldeinnahmen. Der Künstler pendelt weiterhin zwischen Frankreich und Deutschland, 1914 reist er nach Berlin, um dort an der ersten Ausstellung der neu gegründeten Freien Secession teilzunehmen. Gleichermaßen ist er an der Münchener Freien Secession von Anfang an beteiligt. Im Juni wird dann seine erste und einzige Pariser Einzelausstellung in der Galerie Levesque eröffnet. Gleich im Anschluss sind auf der Kölner Werkbund-Ausstellung zwei Statuen Lehmbrucks zu sehen, die er im Auftrag der Stadt Köln für die Vorbauten des von Wilhelm Kreis entworfenen Teehauses ausgeführt hat. Mit dem Architekten Kreis, der auch Werke Lehmbrucks sammelt, hat der Bildhauer bereits 1909 im Rahmen der Ausstellung für Christliche Kunst in Düsseldorf zusammengearbeitet und neun plastische Werke innerhalb einer Friedhofsanlage entworfen. Als Lehmbruck Ende Juli 1914 während der Werkbund-Ausstellung die Kriegseuphorie der Kölner Bevölkerung erlebt, fährt er umgehend nach Paris zurück, um mit seiner Frau und den beiden Kindern sein zweiter Sohn Manfred ist am 13. Juni 1913 geboren – Frankreich zu verlassen.

Berlin (1914-1916)

Lehmbruck wohnt zunächst mehrere Monate mit seiner Familie in Köln, wo seit einigen Jahren sein Schwiegervater lebt. Da er vorerst nicht zum aktiven Kriegsdienst eingezogen wird, siedelt er mit seiner Familie jedoch nach Berlin über, das er bereits von mehreren Ausstellungen her kennt. Anfang Dezember 1914 richtet sich Lehmbruck ein Atelier in der Fehlerstraße 1 ein, nahe der heute noch bestehenden Bronzegießerei Noack im Stadtteil Friedenau. Er kann in den Kriegsjahren ungehindert sein Werk fortsetzen und wird nicht an der Front, sondern nur für kurze Zeit als Sanitäter im Friedenauer Hilfslazarett an der Offenbacher Straße eingesetzt. Es ist ihm zum Beispiel möglich, mit Hilfe seines dort ebenfalls stationierten Malerkollegen Arthur Degner, der ihm als Modell dient, die gestalterischen Grundlagen für den „Gestürzten“ zu erarbeiten. Am 15. Dezember 1915 erhält Lehmbruck die Zulassung, ab Mitte Januar 1916 als Kriegsmaler nach Straßburg zu gehen. Aufgrund einer amtlich bescheinigten Schwerhörigkeit wird Lehmbruck jedoch generell vom Militärdienst freigestellt. Für Lehmbruck hat sich auch Max Liebermann (1847-1935), der berühmte Doyen der impressionistischen Malerei in Deutschland, eingesetzt.

Ende März 1916 besucht der Mannheimer Fabrikant Sally Falks zum ersten Mal Lehmbrucks Atelier. Falk kauft zwischen April 1916 und September 1917 über den Berliner Kunsthändler Paul Cassirer, der Lehmbruck vertritt, zahlreiche Werke des Künstlers, die später als Teil einer Stiftung an die Mannheimer Kunsthalle gehen.

Im Juni 1916, vor einem Sommerurlaub der Familie im Ostseebad Ahlbeck, reist Lehmbruck auf Einladung der Falks nach Mannheim, um das Ehepaar dort zu porträtieren. Die Büsten überarbeitet Lehmbruck in seinem Berliner Atelier. Während des Sommers bereitet er sich auf seine Ausstellung in der Mannheimer Kunsthalle vor, der einzigen in einem Museum, die zugleich seine einzige Einzelschau zu Lebzeiten in Deutschland ist. Vom Besuch seiner Ausstellung in Mannheim kehrt Lehmbruck nicht nach Berlin zurück, sondern reist weiter Richtung Schweiz, um dort das Kriegsende abzuwarten. Mit Hilfe einer erneuten Fürsprache durch Max Liebermann kann Lehmbruck legal ausreisen. Er kann somit nicht nur in Ruhe im Nachbarland arbeiten und ausstellen, sondern auch jederzeit ins Kaiserreich ein- und wieder ausreisen. Von einer Existenz im Exil kann, wie immer wieder behauptet wird, keine Rede sein.

Zürich (1916-1919)

Lehmbruck trifft Anfang Dezember 1916 allein in Zürich ein und holt seine Familie im Januar 1917 nach. Seine Plastiken werden zunächst an das Kunsthaus Zürich geschickt, da er im Februar an der Ausstellung der Zürcher Kunstgesellschaft teilnimmt. Atelier sowie Wohnung sind noch nicht gefunden, was um so dringlicher wird, als am 2. Februar 1917 der dritte Sohn, Guido, zur Welt kommt. Lehmbruck benutzt in den ersten Monaten ein Künstleratelier im Dachgeschoss einer Züricher Schule, deren Gründer zugleich eine Kunstgalerie betreibt.

Lehmbruck gewinnt rasch Zugang zur „deutschen Kolonie“ in Zürich, die weitgehend aus Emigranten besteht. Für Lehmbruck ist eher das geistige Milieu entscheidend, er lernt Schriftsteller wie Leonhard Frank, Ludwig Rubiner und Fritz von Unruh kennen. Über den Schriftsteller und Dichter Albert Ehrenstein (1886-1950) begegnet Lehmbruck 1917 der damals noch sehr jungen Schauspielerin Elisabeth Bergner, deren Theateraufführungen er besucht. Dieser Vorgang ist zunächst nicht ungewöhnlich, da Lehmbruck sich von jeher für Literatur und Theater interessiert.

Elisabeth Bergner sitzt dem Bildhauer in der Folgezeit für Porträts Modell. Unzählige Zeichnungen im Nachlass des Künstlers belegen seine Faszination durch diese junge Frau, in die der Künstler sich leidenschaftlich und zugleich vergeblich verliebt. Über den Arzt, der eine Geschlechtskrankheit des Künstlers behandelt, lernt Lehmbruck Fritz von Unruh kennen, der von starken Gemütsschwankungen Lehmbrucks berichtet. Lehmbruck arbeitet zurückgezogen in einer zum Atelier umfunktionierten Garage. Die Entfremdung von seiner Frau, die unerwiderte Liebe zu Elisabeth Bergner und das Kriegsgeschehen in Deutschland verstärken seine Depressionen, und dennoch nimmt Lehmbruck weiterhin an Ausstellungen teil. Nachdem bereits im September 1917 die Kunsthalle Basel einen größeren Überblick über sein plastisches und grafisches Werk zeigt, beschickt Lehmbruck im Sommer 1918 die Freien Secessionen in Berlin und München; besonders in München wird seine inzwischen sehr intensive Auseinandersetzung mit Zeichnung und Druckgrafik in der Auswahl der Exponate deutlich.

Lehmbruck behält seine bereits früh entwickelte Angewohnheit bei, nicht nur an Ausstellungen mit Werken teilzunehmen, sondern auch selbst hinzufahren, den Kontakt mit den Kollegen zu suchen. Vor dem Krieg belegen darüber hinaus Gruppenfotos, auf denen Lehmbruck zu sehen ist, seine Kontakte, so zum Beispiel auf der Sonderbundausstellung in Köln 1912 und auf der Jurysitzung der Freien Secession in Berlin 1914. Aufgrund der Häufigkeit seiner Ausstellungsteilnahmen und Reisen kann behauptet werden, Lehmbruck habe die damalige Avantgarde in der bildenden Kunst persönlich gekannt. Die immer wieder kolportierte Schweigsamkeit des Künstlers entspringt der leicht ironischen Beschreibung Meier-Graefes bei dessen erstem Atelierbesuch und wird nur scheinbar durch die sehr viel spätere Beschreibung Fritz von Unruhs gestützt. Lehmbrucks Situation in Zürich ist nicht nur wegen des beengten Garagenateliers bedrückend, sondern auch geprägt von der schwierigen familiären Situation. Die Gespräche, die Fritz von Unruh hingegen noch bis zum Schluss erwähnt, deuten auf einen trotz Vereinsamung kommunikativ gebliebenen Künstler. Dass die Legende vom schweigsamen Künstlers nach dessen Tod die Witwe und die drei Kinder in einer materiell wie emotional äußerst schwierigen Situation schützt, sollte nicht übersehen werden.

Lehmbrucks letzte Reise nach Berlin zu Jahresbeginn 1919 steht vermutlich im Zusammenhang mit einem Auftrag, nämlich der Bildnisbüste Annemarie von Friedländers. Zur großen Verärgerung des Bildhauers lehnt die Porträtierte die Honorarzahlung mit der Begründung ab, dass ihr die Büste nicht ähnlich sei.

Am 24. Januar erfolgt die Wahl neuer Mitglieder zur Preußischen Akademie der Künste in Berlin, der höchsten Anerkennung, die ein Künstler im Deutschen Reich erhalten kann. Lehmbruck gehört zum Kreis der Neugewählten – die Nachricht wird zwar an seine Züricher Adresse geschickt, erreicht ihn aber nicht mehr vor seinem Freitod am 25. März 1919 in seinem Berliner Atelier. Käthe Kollwitz (1867-1945) notiert in ihrem später veröffentlichten Tagebuch anlässlich Lehmbrucks Begräbnis am 4. April in Berlin: „Ein Freund, Hans Bethge, und E.R. Weiß sprechen an seinem Grabe. Als Freunde und Kameraden. Die Frau jung, in hohen Stöckelschuhen, mit ratlos verweintem Gesicht, steht für sich allein.“

Seine letzte Ruhestätte findet Lehmbruck auf dem Waldfriedhof Duisburg, wohin seine sterblichen Überreste und die seiner 1961 in Stuttgart verstorbenen Frau Anita im Juni 1962 überführt werden. Mit dieser Umbettung holt die Stadt Duisburg, die dem Künstler das damals im Bau befindliche und 1964 eröffnete Lehmbruck Museum widmet, ihren berühmten Sohn zurück.

Text: Katharina B. Lepper